Performance-Artistin Junko Wada macht die Galerie Gelbe Musik zur Kunstfabrik

Am Nachmittag beginnt sich die Galerie zu füllen. Großes Hallo! Junko Wada, die grazile Performance-Künstlerin und für eine Woche Gastgeberin in der Galerie Gelbe Musik, begrüßt ihren alten Freund und Kollegen Akio Suzuki, den Klangkünstler. Sogleich fängt er an zu arbeiten. Er bastelt Origami-Bällchen aus fotokopierten Junko-Wada-Notaten und wirft sie ins Schaufenster.

Und schon naht der nächste Gast, Eva-Maria Schön, bekannt fiir fotografische Verfremdungen. Klangkünstler Felix Hess ist extra aus Holland angereist, um Junko zu besuchen. Immer dabei: Kameramann Ivan P. Panteleev, der alle Begegnungen und Aktionen filmt. Junko Wada ist Künstlerin. Nicht nur Malerin, nicht nur Tänzerin, nicht nur Video-Artistin. Ihre Kommunikation mit den Zuschauern oder Betrachtern läuft auf vielen Strängen parallel, und das heißt, sie selbst ist ihr Kunstwerk und ihr Medium.

In Berlin, wo sie seit vielen Jahren vor allem als Performance-Künstlerin bekannt ist, hat die ständig in der Welt herumreisende Japanerin seit nunmehr anderthalb Jahren ihren Hauptwohnsitz. Ihre Performances treiben sie — und die Zuschauer — oft an den Rand der Erschöpfung. So dauerte ihr Auftritt in der Klang-Installation „Acht Stunden” von Rolf Julius 1995 genau so lange, aber wahrgenommen wurde von denen, die ausharrten, eine totale Aufhebung von Zeit und Raum.

Ihr neuestes Projekt ist noch zeitaufwendiger, allerdings weniger verpflichtend für das Publikum: Ein „6tägiger Arbeitsprozess” in der Galerie Gelbe Musik. Junko Wada wählt die Räume und Orte fiir ihre Aktivitäten mit äußerster Sorgfalt aus. Die Galerie gelbe Musik, die ihr noch bis Sonnabend ein künstlerisches Heim bietet, ist weniger Bühne als Kontext. Sie ist seit Jahrzehnten Zentrum für interdisziplinäre Formen zwischen Musik und Bildkunst. Und interdisziplinär ist diese künstlerische Dauerparty allerdings!

In allen ihren Werken geht es Junko Wada vor allem um die Gestaltung von Wahrnehmung, ihrer eigenen und der der Besucher. In letzter Zeit ist ihr der Begriff des Spiegels sehr wichtig geworden. Tanz und Performance sind ganz momentane Kunstwerke, sie verfliegen, sobald sie zu Ende sind. Das soll diesmal anders sein: Alles wird notiert, aufgenommen und aufbewahrt.

Während aller Vorgänge um sie herum schreibt Junko Wada Tagebuch, und wer sie dabei länger beobachtet, was ja Zweck der Übung ist, bekommt den Eindruck, dass sie alles um sich herum aufsaugt und in Zeichen und Bewegung transformiert. Sie verwandelt ihre Umgebung zu einem Ort intensivierten Seins. Nach und nach werden sich die Wände mit diesen Notizen füllen. Zusammen mit Eva-Maria Schön macht Junko eine Malaktion mit aneinander gebundenen Händen. Die Galerie Gelbe Musik ist nun eine gemütliche kleine Kunstfabrik, von außen leicht zu verwechseln mit einem lustigen Kinderladen. Viele illustre Gäste werden noch erwartet, darunter Regiestar Robert Wilson, der gerade in der Stadt weilt, Sasha Waltz, Komponistin Makiko Nishikaze, Rolf Julius und viele mehr.

von Matthias R. Entress / Berliner Morgenpost 20. Juni 2001

 

Die Sonne der Modernität

(Junko Wada künstlert in der Gelben Musik in der Schaperstraße)

Kunst kommt von Können, Schönheit kommt von Schein. Vielleicht kommt Kunst auch von Müssen. Das hat zumindest Schönberg gesagt. Dieser Tage kommt Kunst von einer Zeit sommerlichen Kontemplierens. Vom Nichtstun und von der Inspiration, die daraus erwächst, daß eine Handvoll Künstler aller Sparten nachmittäglich zusammengetroffen sind und miteinander gekünstlert haben. Eine Art Erwachsenenkinderspielplatz: Das Wetter ist schön, gehen wir mal raus und sehen, wer sonst noch so da ist.

In der Gelben Musik in der Schaperstraße funktionierte das auch, als es wochenlang regnete. Die Sonne der Modernität scheint in dem auf Neue Musik spezialisierten Geschäft nämlich sozusagen permanent. Gleich links neben dem Eingang des kleinen Verkaufsraums saß nun gegen Ende Juni tagelang die japanische Tänzerin Junko Wada, die Beine auf der unteren Ablageplatte eines kleinen runden Tisches ruhen lassend, und schrieb auf, was ihr alles passierte. In japanischen Schriftzeichen, auf langen Banderolen. Vor ihr Tinte und Löschutensilien, daneben vielleicht ein bißchen Tee und Kekse. Der Raum ist licht und hell, und manchmal schien sogar die Sonne.

Und Junko Wada passierte viel. Robert Wilson kam und notierte, wer sieh alles zu Besuch angesagt hatte. Der Terminplaner wurde alsbald ins Schaufenster gehängt. Der Klangkünstler Akio Suzuki kopierte Wadas Aufzeichnungen einerseits am hauseigenen Kopiergerät, andererseits aber – wie Wada genau notierte – in einem nahe gelegenen Copyshop. Er faltete aus den Blättern Origami-Bälle und warf sie in die Auslage. Wada rief es eigens für die Besucherin in Erinnerung: die elegante Bewegung, vermittels deren die Origami-Bälle im Schaufenster landen. Der Fotograf Akinbode Akinbiyi fotografierte, Stefan Kurt machte Polaroidaufnahmen. Die Malerin Andrea Schomburg lieferte Detailpostkarten, und Zhu Jinshi bemalte einen papiernen Mantel. Und tagtäglich kam Hans Peter Kuhn und schenkte Drinks aus.

Wada schrieb alles auf. Abends wurde ins Deutsche übersetzt und ausgedruckt. Bald zierten ihre Tagebüchlereien die weiße Wand der Gelben Musik. Links hing der Mantel, rechts hingen die Fotografien, in der Ecke die langen Bambusstangen, mit denen man Tage zuvor hantiert hatte. Work und Game in progress. Wie sich der Raum für sie anfühle, fragte Wada die Besucherin. Klar und geklärt, antwortete die. Und verwunderte sich über den unendlichen Luxus, das Spiel zur Kunst, die Kunst zum Spiel zu machen.

Seit zwei Jahren lebt die in Tokio gebürtige Junko Wada in Berlin. Wadas Mienenspiel ist licht und lebendig; daß sie von Hause aus Tanzkünstlerin ist, sieht man ihr in jeder Bewegung an. Die sechstägige Performance, zu der sie im Juni in die Gelbe Musik einlud, war nicht nur eine willkommene Gelegenheit, zwei Dutzend befreundete Künstler und Künstlerinnen in einem tagtäglich neu erstehenden Salon zusammenzuführen und benachbarte Künste, zu verkosten, sondern auch, ihre eigenen Deutschkenntnisse zu verbessern. Schließlich gingen ihre Aufzeichnungen mehrmals den Weg von der japanischen in die deutsche Sprache. Manchmal so gar über das Englische. Von Anfang an hat Ivan Panteleev die Performance in dem kleinen Ladenlokal in der Schaperstraße mit einer Kamera festgehalten. In diesen Tagen nun ist in der Gelben Musik die von Wada und Kuhn aufbereitete Videoinstallation zu besichtigen.

 

von Christiane Tewinkel / Frankfurter Allgemeine Zeitung  11. Juli 2001