Out of Actions

Uns allen ist Junko Wada in erster Linie als Tänzerin vertraut und so mag die Tatsache, dass Sie aus gleichem Recht Malerin ist, erst einmal erstaunen. Aber Junko Wada hat in den 1970er Jahren in Tokyo eben beides studiert, die Malerei an der Musashino University of Art und den Tanz am Akira Kasai Dance Institute .

Diesen beiden Formen der künstlerischen Produktion ist sie ein Leben lang nachgegangen, wenn auch mit wechselnder Intensität.Ersten Ausstellungen in Tokyo folgten dann Tanz-Performances mit Akio Suzuki, Rolf Julius und später Hans Peter Kuhn. So unterschiedlich die Tanzperformances, die vielfach auf Video aufgezeichnet wurden und die „bemalten Leinwände“ auf den ersten Blick auch sein mögen, so geht es doch immer um die  Kategorien von Raum, Zeit, Bewegung und Farbe.

Junko Wadas Tanzbewegungen im Raum definieren denselben in jeder Minute anders und neu.  Sie geben jedoch nicht nur dem Raum eine neue und unerwartete Qualität. Sie machen auch den eigenen Körper neu und anders erlebbar und dies gilt für beide, die Künstlerin und ihr Publikum in gleicher Weise. Die überraschenden Formen der Körperbewegungen provozieren neue Erfahrungen und damit einhergehend gänzlich neue Assoziationsmöglichkeiten. Sie reichen von manieristisch beschleunigten Körperverdrehungen bis zu skulpturaler Emblematik des Körpers und zwar in natürlicher aber eben auch in artifizieller Weise.

„Mein Tanz, so Junko Wada in einem Interview des Jahres  2002 entstand ursprünglich aus meiner Malerei“. Ähnlich schrieb auch Volker Straebel „Der Tanz erschien Wada als Öffnung ihrer Kunst zum dreidimensionalen Raum“.

Alle, die Junko Wadas Tanzperformances gesehen haben, werden sich der einmaligen Bewegungen erinnern, die durch die meist monochromen, von der Künstlerin selbst entworfenen Gewänder, den Raum durchfuhren. Zu enormer Expressivität gesteigert gebärdeten sich die glühend roten, gelben, weißen oder blauen Bahnen an ganz  unterschiedlichen Orten mit dem einzigen Ziel der Repräsentation von Schönheit und Kunstfertigkeit, die auf jegliche Narration verzichtet.

Um Narration geht es Junko Wada auch in ihren Bildern nicht. Vielmehr geht es um Intensivierung der Farbe, des Raumes und — hier sei noch einmal die Künstlerin selbst zitiert „um den Prozeß, den Moment, wenn die Dinge sich verändern und verschieben, wenn die ausgestreute Saat zu blühen beginnt“.

Mit borstigen Pinseln , die mit einer Farbe gefüllt sind, bewegt sich  Junko Wada tänzerisch auf die Leinwand zu und setzt äußerst schnell und energisch ihre Marken. Schicht um Schicht entsteht so eine Raumgewebe, in dem jede einzelne Malaktion sichtbar bleibt bis hinzu  der Pinselstruktur. Das Farbgeflecht ist sozusagen ständig vibrierend und eröffnet ganz unterschiedliche Raum- und Energie- Konstellationen, die je nach Entfernung des Betrachters anders wahrgenommen werden. Sie lassen die Bilder aus der Ferne gesehen, wie atmende Wesen erscheinen, die ihren Rahmen zu sprengen scheinen und sich nur mit Mühe an die vorgegebene  Fläche halten. Aus der Nähe betrachtet bestechen sie durch die Präsenz der Farbe  und werden zu einem Protokoll der jeweiligen Malaktionen.

Junko Wada hat diese Ausstellung „private Landschaften“ genannt. Und tatsächlich stellen sich während des Betrachtens der Bilder Assoziationen z. B. der farbigen Konstellationen von Jahreszeiten ein. Gelb leuchtendes Herbstlaub, grüne satte Sommerwiesen, blaue  Nächte, aber auch an schimmernde Teiche oder summende Blumenwiesen ließe sich denken. Vor allem zeigt sich in den Bildern eine enorme Ausdruckskraft der Farbe, wie sie  im frühen 20ten Jahrhundert, z.B. dem Expressionismus, entdeckt wurde. „ Am farbigen Abglanz, so heißt es in Goethes Faust, haben wir das Leben.

In ihrer Malerei läßt sich Junko Wada einer seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstandenen globalen Bewegung zuordnen.  Diese wurde 1998 in einer Ausstellung unter dem Titel „Out of Actions“ in all ihren Facetten vorgestellt. Sie vermittelt keinen verbindlichen Stilbegriff, sondern  macht deutlich, dass nach dem 2. Weltkrieg an ganz unterschiedlichen Orten dieser Welt eine Malerei und eine Skulptur entstand, die das Ergebnis künstlerischer Aktionen war.

Hier sei beispielhaft an Jackson Pollock in New York, Georges Mathieu in Paris und an die Gutai Gruppe in Tokyo erinnert. Aber auch an Yves Klein, der mit lebenden Pinseln, in blaue Farbe getauchte weiblichen  Körpern, performative Bilder in einem einzigartigen Ritual entstehen ließ.

Auch Junko Wada spricht in dem oben erwähnten Interview davon, dass sie ihren Körper als Pinsel verstand, mit dem sie als Tänzerin ihre Bilder im  Raum malte. Um dann, und das wäre hinzu zu fügen, mit dem Körper, der  seine „Verlängerung“ in den Pinseln findet, ihre Malerei nunmehr auf Leinwänden platziert.

© Angela Schneider 2014